Rund 80.000 Friseurbetriebe gibt es in Deutschland, beschäftigt werden knapp 200.000 Menschen. Dennoch gilt die Branche seit Jahren als Paradebeispiel für einen Ausbildungsberuf unter Druck: zu wenig Bewerber, zu viele offene Stellen, zu hohe Abbrecherquoten. Das Jahr 2026 zeigt ein differenzierteres Bild als erwartet.
Ausbildungszahlen: Leichte Erholung, aber kein Durchbruch
Nach einem historischen Tiefstand Mitte der 2010er Jahre, als bundesweit weniger als 14.000 neue Ausbildungsverträge im Friseurhandwerk abgeschlossen wurden, stabilisiert sich die Lage langsam. Für 2025 verzeichnete das Bundesinstitut für Berufsbildung rund 16.200 neue Verträge. Für 2026 rechnen Innungsverbände mit einem ähnlichen Wert, möglicherweise einem leichten Plus von zwei bis drei Prozent.
Das klingt nach Fortschritt, relativiert sich aber schnell. Denn gleichzeitig scheidet eine große Zahl erfahrener Fachkräfte aus dem Beruf aus, entweder in die Rente oder in andere Branchen. Die Abbrecherquote liegt nach wie vor bei über 40 Prozent. Viele Auszubildende verlassen den Betrieb im zweiten Lehrjahr, oft wegen der Arbeitszeiten oder weil das tatsächliche Gehalt die Erwartungen nicht erfüllt.
Was Auszubildende verdienen und was bleibt
Die Mindestausbildungsvergütung nach Berufsbildungsgesetz liegt 2026 im ersten Lehrjahr bei 682 Euro brutto monatlich. Viele Innungsbetriebe zahlen darüber hinaus, besonders in Ballungsräumen mit starkem Wettbewerb um Bewerber. In München, Hamburg oder Frankfurt berichten Betriebe von Einstiegsgehältern zwischen 750 und 850 Euro im ersten Jahr.
Nach der Ausbildung sieht die Lage nüchterner aus. Das Bruttomedianeinkommen einer angestellten Friseurin oder eines Friseures ohne besondere Qualifikation liegt bundesweit bei etwa 1.980 Euro monatlich. Nach Steuer und Sozialversicherung bleiben in Steuerklasse 1 rund 1.500 Euro netto. In Regionen mit hohen Mietkosten ist das wenig. Dieser strukturelle Widerspruch treibt weiterhin Fachkräfte in Richtung Umschulung oder Quereinsteig in andere Dienstleistungsberufe.
Regionale Unterschiede sind erheblich
Zwischen den Bundesländern klaffen die Verhältnisse deutlich auseinander. Bayern und Baden-Württemberg melden 2026 die wenigsten unbesetzten Ausbildungsplätze, hier liegt die Besetzungsquote bei über 75 Prozent. In Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Teilen Brandenburgs hingegen bleiben bis zu einem Drittel aller angebotenen Stellen unbesetzt.
Der Lohnunterschied zwischen Ost und West besteht fort, hat sich aber verringert. Ein ausgelernte Friseurin in Leipzig verdient im Durchschnitt etwa 1.820 Euro brutto, ihre Kollegin in Stuttgart kommt auf rund 2.150 Euro. Die Lebenshaltungskosten glätten diesen Unterschied teilweise, aber nicht vollständig.
Städtische Betriebe stehen zusätzlich unter Druck durch die Konkurrenz von Ketten und Franchise-Konzepten wie Supercuts oder lokalen Discountanbietern, die mit Preisen unter 15 Euro für einen Haarschnitt werben. Kleinstadtbetriebe berichten dagegen von einer treuen Stammkundschaft, die Dienstleistungsqualität honoriert und bereit ist, 35 bis 50 Euro für einen Damenhaarschnitt zu zahlen.
Trends im Handwerk: Was Kunden verlangen
Fachlich hat sich das Berufsbild verändert. Farbtechniken wie Balayage oder Glossings, die noch vor zehn Jahren als Nischenthema galten, gehören heute zum Standard. Wer als Betrieb wettbewerbsfähig bleiben will, muss Weiterbildungen finanzieren, was bei kleinen Inhabergeführten Salons schnell ins Geld geht. Ein zweitägiges Colorationsseminar kostet je nach Anbieter zwischen 300 und 600 Euro pro Person.
Die Nachfrage nach bestimmten Schnitttechniken und aktuellen Looks ist eng an gesellschaftliche Trends geknüpft. Wer sich über aktuelle Frisuren informiert, stellt fest, dass sich die Vorstellungen der Kundschaft deutlich schneller verändern als noch vor einem Jahrzehnt, befeuert durch soziale Medien und Videoplattformen. Für Betriebe bedeutet das: Mitarbeitende müssen nicht nur handwerklich sauber arbeiten, sondern auch Trends kennen und erklären können.
Was Betriebe tun, um Nachwuchs zu gewinnen
Die Strategien zur Nachwuchsgewinnung werden vielfältiger. Neben dem klassischen Praktikum in der Schule setzen größere Salons zunehmend auf Social-Media-Präsenz, um junge Interessentinnen und Interessenten direkt anzusprechen. Instagram-Profile mit Behind-the-Scenes-Content aus dem Salon laufen besser als jede Jobbörse, berichtet eine Salonbetreiberin aus Köln mit drei Filialen.
Einige Innungen haben Pilotprojekte gestartet, bei denen Auszubildende von Beginn an feste Wochenendfreizeiten garantiert bekommen, ein direktes Gegenmodell zur traditionellen Sechs-Tage-Woche. Erste Auswertungen zeigen, dass solche Betriebe ihre Ausbildungsplätze deutlich schneller besetzen. Auch die Übernahmequoten nach der Ausbildung liegen dort höher.
- Flexible Arbeitszeitmodelle senken die Abbrecherquote messbar
- Digitale Bewerbungsprozesse sprechen jüngere Bewerbergruppen besser an
- Betriebliche Weiterbildung erhöht die Bindung ausgelernteter Fachkräfte
- Transparente Lohnstrukturen mit klar kommunizierten Entwicklungsstufen gelten als Vertrauensfaktor
Perspektive: Strukturwandel oder Konsolidierung?
Die Zahl der Friseurbetriebe in Deutschland sinkt seit Jahren moderat. Zwischen 2015 und 2025 hat sich die Betriebszahl um etwa 8.000 verringert. Experten des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks erwarten, dass sich dieser Trend fortsetzt, allerdings langsamer als bisher. Kleinstbetriebe mit einem oder zwei Beschäftigten geraten besonders unter Druck, weil steigende Sachkosten, Mindestlohnerhöhungen und Energiepreise die Margen weiter drücken.
Gleichzeitig gibt es eine Gegenbewegung: Inhabergeführte Salons, die auf Spezialisierung setzen, Barber-Konzepte für Herren oder Salons mit Fokus auf natürliche Haarpflege und vegane Produkte, berichten von stabiler Nachfrage und zahlungsbereiten Kundinnen und Kunden. Der Mittelweg, also der generalistisch aufgestellte Familiensalon ohne klares Profil, hat es schwerer denn je.
Das Friseurhandwerk 2026 ist kein Krisenjahr, aber auch keines der Entspannung. Wer als Betrieb in den nächsten Jahren bestehen will, muss gleichzeitig ausbilden, qualifizieren, attraktive Arbeitsbedingungen schaffen und sich fachlich positionieren. Das ist anspruchsvoll und für viele Inhaber an der Belastungsgrenze. Die Branche zeigt allerdings auch, dass dort, wo Betriebe diese Aufgaben konsequent angehen, die Ergebnisse messbar besser sind.