Rund 2,9 Millionen Menschen sind derzeit an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Die Zahl klingt beeindruckend, verbirgt aber eine Realität, die viele Studierende täglich spüren: volle Bibliotheken, überbuchte Seminare, Lehrende mit zu wenig Zeit und ein System, das an vielen Stellen unter seiner eigenen Last ächzt. Dabei galten deutsche Universitäten lange als Exportschlager, als Vorbild für praxisnahe Forschung und günstige Hochschulbildung. Was ist daraus geworden?
Ein System unter Dauerdruck
Die Studierendenzahlen haben sich seit den 1990er-Jahren mehr als verdoppelt. Gleichzeitig sind die Grundmittel je Studierenden in vielen Bundesländern real gesunken. An der Ruhr-Universität Bochum etwa kommen in manchen Einführungsveranstaltungen über 800 Studierende in einen Hörsaal, der für 600 ausgelegt ist. Wer sich mit einer Frage an den Dozenten wenden möchte, wartet im besten Fall auf eine E-Mail-Antwort nach zwei Wochen.
Das ist kein Einzelfall. Eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung aus dem Jahr 2023 zeigt, dass das Betreuungsverhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden in Deutschland im internationalen Vergleich schlecht abschneidet. Im Fach Rechtswissenschaft liegt es bundesweit bei etwa 1 zu 73, in einigen Massenveranstaltungen der Wirtschaftswissenschaften noch höher. Die Konsequenz ist absehbar: Wer nicht von Anfang an gut strukturiert lernt oder auf familiäre Unterstützung zurückgreifen kann, verliert den Anschluss schneller als erwartet.
Der Mythos vom selbstständigen Studium
An deutschen Universitäten wird Selbstständigkeit vorausgesetzt. Stundenplan selbst zusammenstellen, Prüfungsanmeldungen nicht verpassen, Seminararbeiten nach akademischen Standards formatieren, all das gehört zum Alltag im ersten Semester. Für Studienanfänger ohne akademisches Elternhaus ist dieser Sprung besonders steil. Laut dem Sozialerhebungsbericht des Deutschen Studentenwerks 2021 kommen knapp 27 Prozent der Studierenden aus einem Elternhaus ohne Hochschulabschluss. Diese Gruppe bricht das Studium statistisch deutlich häufiger ab als der Durchschnitt.
Hinzu kommt: Vieles, was früher im Abitur gründlich geübt wurde, kommt heute zu kurz. Wissenschaftliches Schreiben, Quellenarbeit, die Struktur einer Argumentationskette, das sind Fähigkeiten, die an der Universität schlicht erwartet werden, aber in der Schule kaum noch systematisch trainiert werden. Wer dann im zweiten Semester die erste Hausarbeit schreibt, steht oft vor einem Berg aus Unsicherheiten.
Unterstützungsangebote: Theorie und Praxis klaffen auseinander
Die meisten Universitäten haben Schreibzentren, Studienberatungen und tutorielle Angebote aufgebaut. Die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zum Beispiel bietet über das Studierendenwerk eine Reihe von Beratungsformaten an, von Prüfungsangst bis zur Studienorganisation. Doch die Wartelisten sind lang, und wer in einer akuten Lernsituation steckt, braucht oft schneller Unterstützung, als universitäre Strukturen liefern können. Deshalb suchen viele Studierenden zusätzlich nach Nachhilfe für Studenten, um gezielt Lücken in einzelnen Fächern zu schließen oder sich auf Klausuren vorzubereiten.
Das Phänomen hat sich in den letzten Jahren deutlich ausgeweitet. Plattformen, auf denen Studierende höhere Semester als Tutoren buchen können, verzeichnen seit 2020 stark steigende Nutzerzahlen. Wer das Angebot nutzt, zahlt zwischen 15 und 40 Euro pro Stunde, je nach Fach und Qualifikation des Tutors. Für Studierende mit einem knappen Budget ist das eine echte Belastung, für andere ein selbstverständlicher Teil des Studierendenalltags.
Forschung vs. Lehre: ein strukturelles Problem
Ein zentrales Spannungsfeld an deutschen Universitäten ist die Frage, wie Professoren ihre Zeit einteilen. Wer an einer Universität forscht, publiziert und Drittmittel einwirbt, wird im System belohnt. Gute Lehre ist kaum messbar, wirkt sich auf Karriereentscheidungen kaum aus und bringt im wissenschaftlichen Wettbewerb wenig ein. Das Ergebnis: Viele Professorinnen und Professoren sind exzellente Forscherinnen und Forscher, aber keine geborenen Pädagogen. Und das ist strukturell bedingt, kein individuelles Versagen.
Einige Hochschulen versuchen gegenzusteuern. Die Leuphana Universität Lüneburg hat ein verpflichtendes Studium Individuale eingeführt, das fächerübergreifendes Denken fördern soll. Die TU München experimentiert mit problembasiertem Lernen in Ingenieurstudiengängen. Solche Ansätze sind vielversprechend, aber sie sind die Ausnahme, nicht die Regel.
Was Studierende wirklich brauchen
Gespräche mit Studierenden aus verschiedenen Universitätsstädten ergeben ein ähnliches Bild. Was fehlt, ist nicht unbedingt mehr Geld oder mehr Gebäude. Es sind konkrete Dinge:
- Regelmäßiges, strukturiertes Feedback zu Hausarbeiten und Referaten
- Verlässliche Ansprechpartner in den ersten Wochen des Studiums
- Transparente Prüfungsformate mit nachvollziehbaren Bewertungskriterien
- Kleinere Lerngruppen zumindest in der Studieneingangsphase
- Mentoring-Programme, die über das erste Semester hinausgehen
Viele dieser Punkte kosten kein Geld, sie kosten Zeit und organisatorischen Willen. Beides ist an überarbeiteten Instituten rar.
Perspektive: Wo geht die Reise hin?
Die Digitalisierung hat in der Lehre neue Möglichkeiten geschaffen. Aufgezeichnete Vorlesungen, interaktive Lernplattformen, KI-gestützte Lernassistenten, das alles existiert und wird genutzt. Aber es löst das grundlegende Problem nicht: Lernen ist ein sozialer Prozess. Wer Fragen stellt, Fehler macht und Feedback bekommt, lernt besser. Eine gut aufbereitete Videovorlesung kann das nicht ersetzen.
Gleichzeitig wächst der Druck von außen. Arbeitgeber beklagen, dass Hochschulabsolventen zwar viel theoretisches Wissen mitbringen, aber Schwierigkeiten haben, es anzuwenden. Das Stichwort Employability taucht in hochschulpolitischen Debatten immer häufiger auf, meist ohne klare Antwort auf die Frage, wer das eigentlich leisten soll: die Universität, die Unternehmen oder die Studierenden selbst.
Was bleibt, ist ein System mit erheblichem Potenzial und ebenso erheblichem Reformbedarf. Deutschlands Universitäten haben in den letzten Jahrzehnten viel geleistet, aber die Rahmenbedingungen haben mit dem Wachstum nicht Schritt gehalten. Das zu ändern erfordert mehr als Sonntagsreden zur Bildungspolitik. Es braucht konkrete Entscheidungen darüber, was ein Studium leisten soll und was nicht, und wer dafür zahlt.